Selbstverständnis


Wir wollen ein Selbstverständnis unseres Chores erarbeiten. Bis es soweit ist, möchten wir bezüglich unseres Umgangs mit einem Konflikt Stellung nehmen.

Statement zu Konflikt 2023/2024 und Aufarbeitung

(Juni 2026)

Ende des Jahres 2023 wurde ein externer Konflikt an den Chor herangetragen. Auf Grund der darauffolgenden Ereignisse sehen wir als Chor die Notwendigkeit, offen und transparent unsere Reflexionen zu teilen.

Vorweg ist es ganz wichtig, klarzustellen, dass wir – auch wenn wir in diesem Statement von „wir“ und „dem Chor“ sprechen – keine kontinuierlich feste Gruppe oder einheitliche Organisation sind. Dieses Statement wurde zusammen mit den aktuellen aktiven Menschen im Chor erstellt und reflektiert die gegenwärtige Stimmung. Wir sprechen hier auch über Ereignisse, in die Menschen involviert waren, die jetzt nicht mehr dabei sind. Unsere offene, nicht-hierarchische Struktur wie auch die unregelmäßige Teilnahme an unseren Treffen hat diese Reflexionsarbeit erschwert und verlangsamt. Dadurch ist bei einigen Beteiligten ein Eindruck des „Nichts-Tuns“ entstanden oder sogar das Gefühl, dass wir den Missstand als Chor tolerieren. Wir können diese Kritik gut nachvollziehen, müssen aber die Verzögerung aufgrund der genannten Umstände akzeptieren. Wir sehen es als umso wichtiger an, dass wir an der Aufarbeitung dranbleiben, um ein gemeinsames Verständnis zu erarbeiten.

Content Note
Bei dem externen Konflikt, der in den Chor getragen wurde, wurde auch der Vorwurf der Transfeindlichkeit erhoben. Und auch im Laufe der Aufarbeitung innerhalb des Chores kam es zu transfeindlichen Äußerungen.

Die Ereignisse
Gegen Ende 2023 wurde von Person A ein Konflikt mit Person B – beide aktiv im Chor – an ein paar vertraute Menschen im Chor herangetragen. Es ging darum, dass es zwischen Aktiven des Chores einen Konflikt gab, der ursprünglich außerhalb des Chores stattfand. Person A machte deutlich, dass sie nicht mehr mit Person B im Chor sein kann und sich Absprachen dazu wünscht. In den folgenden Monaten gab es zwischen einer kleinen Gruppe Aktiver aus dem Chor und den Beteiligten unabhängige Gespräche miteinander. Gleichzeitig wurde versucht auf die Wünsche von Person A einzugehen, es gab einen temporären Ausschluss von Person B und später den Versuch abzusprechen, wann welche
Person im Chor ist.

Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Struktur oder einen Plan, wie wir mit zwischenmenschlichen Konflikten und Problemen umgehen.

Die Chor-Aktiven, die sich mit der Konfliktaufarbeitung beschäftigt haben, hatten kein bestimmtes Training oder einen Bezug zu dem Thema. Trotz ihrer Versuche wurden ihnen nach den ersten Gesprächen bewusst, dass sie überfordert waren, da sie in den Gesprächen mit unterschiedlichen Schilderungen der Ereignisse konfrontiert wurden. Im Nachhinein würden sie sagen, dass es wichtig gewesen wäre, die Thematik früher ins Plenum zu bringen und vor allem Expert*innen von
außerhalb einzubeziehen. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass es nicht möglich war, irgendeine Form von Lösung zu finden. Gleichzeitig hat Person A eine stärkere Reaktion des Chors eingefordert und schließlich auch Mitte März 2024 den temporären Ausschluss von Person B (sowie auch von einer weiter unten aufgeführten Person C). Erst zu diesem Zeitpunkt wurde der Konflikt ins Chorplenum getragen. Beide Personen waren bei diesem Treffen anwesend.

Es gab mehrere Gründe, warum der Chor keine Entscheidung treffen konnte:

  • Viele Aktive im Chor wurden bei diesem Treffen das erste Mal mit dem Konflikt oder den
    Einzelheiten konfrontiert und fühlten sich nicht in der Lage, Position zu beziehen.
  • Im Rahmen des Plenums haben wir es nicht geschafft, beide Sichtweisen so
    zusammenzubringen, dass wir wirklich verstehen konnten, was passiert ist.
  • Es gab, wie zuvor schon angemerkt, keine festgelegte Vorgehensweise und keinen Konsens zum Ausschlussverfahren.

Als Konsequenz entschied sich Person A den Chor zu verlassen

Im Zuge des gesamten Prozesses gab es Äußerungen, die wir als problematisch einordnen müssen:

  • Ganz spezifisch möchten wir auf den Vorwurf der Transfeindlichkeit eingehen. Wir erkennen an, dass wir unwissend oder ungewollt transfeindliche Äußerungen oder Wahrnehmung im Raum haben stehen lassen. Wir als Chor haben nicht auf die entsprechenden Nachrichten von Person C reagiert und damit den gesellschaftlich, diskriminierenden Umgang mit Transfeindlichkeit reproduziert.
  • Von Person C, die eng mit Person B verbunden ist, wurden Nachrichten verfasst, in denen eine Täter*in-Opfer-Umkehr stattfand. Dies wurde auch als transfeindlich wahrgenommen. Beides hat Person C erkannt und sich in einer Aussprache bei Person A entschuldigt.
  • Obwohl versucht wurde die Anonymität der Beteiligten aufrecht zu erhalten, wurden in Nachrichten in der Messengergruppe, in der auch viele Nicht-Aktive sind, Klarnamen der Beteiligten genannt.
  • Die Aktiven des Chores waren im Laufe des Prozesses sehr unterschiedlich informiert.
  • In der Messengergruppe wurden Nachrichten und Meinungen ohne Kontextualisierungen geteilt, die zusätzlich verunsicherten und besser im persönlichen Austausch stattgefunden hätten. Das wurde für den gesamten Prozess als schädigend wahrgenommen.

Der Austritt von Person A führte verständlicherweise dazu, dass viele nicht mehr zu den Chorproben kommen, auch in Solidarität mit Person A.

Aufarbeitung
Seit Anfang 2024 bis Anfang 2026 fluktuierte die Aktivenzahl stark, viele haben den Chor mit oder ohne Ansage verlassen. Einige waren und sind weiterhin motiviert, den Konflikt aufzuarbeiten. Im Zuge dessen gab es Ende 2024 und Anfang 2025 zwei längere Plena zu Konfliktlösungen. In diesen wurde reflektiert, insbesondere auch über Versäumnisse und Wünsche für die Zukunft.
Außerdem wurden Ressourcen für zukünftige Konflikte gesammelt. Auch dies wurde durch die unregelmäßige Teilnahme der meisten Aktiven an Chorproben-Plena erschwert und verlangsamt. Wir als Chor müssen eingestehen, dass wir begrenzte Kapazitäten haben und uns Wissen zum Umgang mit Konflikten fehlt. Daher haben wir uns auch vorgenommen, in zukünftigen Konflikten die Hilfe von Expert*innen zu holen. Mit der gesammelten Erfahrung im genannten Konflikt möchten wir bei zukünftigen Konflikten besser und schneller reagieren.

Außerdem möchten wir in Zukunft besser auf Diskriminierungen reagieren, um gesellschaftliche Machtgefälle nicht zu reproduzieren. Es hätte nicht die Aufgabe der trans Person sein sollen, den Chor über Transfeindlichkeit aufzuklären. „Der Chor“ ist keine einheitliche Institution, sondern von seinem bisherigen gelebten auch (links-)politischen Selbstverständnis, eine offene Gruppe. Der Anspruch sollte aber sein, dass sich die aktiven Einzelpersonen informieren, um in kritischen
Situation einzugreifen und Transfeindlichkeit zu unterbinden. Denn unabhängig von zwischenmenschlichen Konflikten darf Transfeindlichkeit nicht geduldet werden. Uns ist zudem bewusst, dass der Umgang mit der Wahrnehmung von Flinta*, insbesondere trans Personen, auch das Risiko für sogenannte Täter*in-Opfer-Umkehr erhöht. Das bedeutet, dass es in der patriarchischen Gesellschaft verbreitete Vorurteile gibt, die es leichter machen, bestimmte Bevölkerungsgruppen als die Aggressorinnen oder Täter*innen zu sehen. Die Kehrseite davon ist, dass wiederum anderen Bevölkerungsgruppen eher oder mehr geglaubt wird. Auch das kann zu einer Täter*in-Opfer-Umkehr führen. Eine Sensibilisierung dieser potentiellen Fallstricke hätte eventuell einige Fehler verhindern können. Wir möchten uns daher bei der direkt betroffenen Person A für unsere Versäumnisse, die Transfeindlichkeit einen Raum gegeben haben, entschuldigen.

Zusammenfassend möchten wir uns für folgende Versäumnisse entschuldigen:

  • wir haben nicht frühzeitig erkannt, dass wir den Konflikt nicht alleine lösen konnten und uns Hilfe hätten holen sollen
  • langsame Aufarbeitung
  • intransparente Kommunikation
  • nicht-reflektierten Umgang mit Transfeindlichkeit
  • unklare Positionierung zu Transfeindlichkeit
  • unklare Positionierung zu Täter*in-Opfer-Umkehr

Im Nachgang möchten wir auch ein Selbstverständnis erarbeiten, von dem wir erhoffen, dass es als Grundlage für zukünftige Gespräche und Aufarbeitung dienen kann. Wir bedauern sehr, dass ehemalige Aktive den Chor verlassen haben und damit einen Raum für gemeinsamen Gesang und Solidarität verloren haben. Wir danken allen Personen, die sich seitdem an der aktiven Aufarbeitung wie auch der Gestaltung des Chores beteiligt haben.

Uns ist es wichtig, auch weiterhin transparent mit dem umzugehen, was passiert ist. Bei Fragen oder Unsicherheiten sprecht gerne Einzelpersonen an oder bringt das Thema ins Plenum ein.